Seltsame Vorgänge am Rande des Alltäglichen:

Direkte Aktionen des Künstlers, Realzeiteinspielungen von anderswo, verdeckte Hinweise auf weitere Zusammenhänge, provisorisch in Stellung gebrachtes Gerät, vereinzelte Gegenstände auf Widerruf, Wege und Umwege, Abläufe und Kreisläufe an der Kante zum Tautologischen, Energieverbrauch und Einspeisung auf anderer Ebene, hermetische Maskeraden und einladende Gesten, enttäuschte Erwartungen und geschenkte Momente. Die Sprache der Worte bleibt außen vor, der Witz hat dennoch Platz. Ein prekäres Gleichgewicht von Möglichkeiten.
Die Regeln dieses Spiels sind undurchsichtig, aber hier und da kehren Motive und Formen zurück: Speicher und Bild werden räumlich getrennt, Vergangenheit und Gegenwart liegen überkreuz, Anatomie und Geist sind kurzgeschlossen, Körper und Skulptur schwanken zwischen Stabilität und Auflösung. Es sieht beinahe nach nichts aus und hält einen doch am Platz, überrascht mit jähen Augenblicken von Intimität, kann möglicherweise jederzeit in Katastrophe oder Erlösung umschlagen.
...Entäußerung, Umstülpen des Innersten nach außen, bewußte Preisgabe, kontrollierter Einsatz des Ich und gleichzeitig Entzug der Person, damit Kunst am Ort dieser Manipulationen und Verwandlungen möglich werden kann: Aufstoßen der Tür zum Labyrinth "Welt", Balance suchen auf der glatten Krümmung ihrer Oberfläche.

Julian Heynen (
Aus dem Vorwort des Kataloges der Ausstellung "Double Trouble" im Kaiser Wilhelm Museum, Krefeld 1999)


Meine Arbeit ist
der Versuche mich nicht auf einzelne Aspekte zu fokussieren. Stehen zu bleiben und in die Tiefe zu gehen und ein Ding eine Sache in Gänze zu verstehen. Ich weiß ja, geht man tief genug, fällt man wieder auf die Oberfläche. So laufe ich, bin ständig in Bewegung. Meine Strategie dabei ist den Hintergrund wahrzunehmen vor dem die Dinge stattfinden. Wie Schimären treten sie dann hervor und fangen an zu tanzen. Es ist der Tanz der Dämonen. Manchmal tanze ich mit ihnen und es entsteht eine Arbeit. RB


Darmspiegelung - Die Utopischen Reisen von Ralf Berger

…Alle waren Mitspieler bei einem Spiel, dessen Regeln nur der Künstler kannte, dessen Zentren aber dunkle geheimnisvolle Mächte waren, das Kraftwerk als radioaktives Zentrum, die Stadt als hominides Zentrum, das nächtliche und tägliche Museum als kunstenergetisches
Zentrum. Schließlich wurden verschiedene Zeiten miteinander verknüpft. Die einsamen Gänge des Künstlers vernetzten sich mit der kollektiven Busrundfahrt. Die Besucher waren passive Walker, Berger auf der Toilette im wahrsten Sinne des Wortes ein blinder Passagier, sein Rundgang um das Kraftwerk Frimmersdorf, das den Strom für Mönchengladbach liefert, glich einem mühevollen Stillstand, da er nicht mit den Schuhen ging, sondern gehend auf ihnen stand.

‘Ich denke, ich weiß, was ich sehe’ gleicht dies nicht dem decartschen ‘cogito ergo sum’? Das aber wäre ein folgenreicher Kurzschluß. Der Fluß der Energie hält solange an, wie wir in ihn einbezogen sind: als Tastende, als Sehende, als Gehende. Die Art von Erkenntnis, die das Erlebnis der geschilderten Vorgänge als banale Aktion entlarvt, ist der Triumph des Positivismus und Materialismus, der Kältetod des Gehirns, dem Tausende täglich erliegen. Die andere Erkenntnis, die sich dem Reisenden auf dem schwankenden Boden des schon bekannt Geglaubten als Wahrnehmung einer fremden Welt kundgibt, ist das geistige Abenteuer. Indem
‘man seine Zeit gewissenhaft verschwendet’, mit Spaziergängen und Busfahrten unter bestimmten Konstellationen, wird eine ganzandere Welt sichtbar. Machen Sie die Augen zu und versuchen Sie sich durch Ihr Wohnzimmer zu tasten. Sie verlassen augenblickIich den rechtwinkligen kubischen Raum Ihrer Erfahrung und landen in einem Labyrinth mit Abgründen und Verliesen einer unbekannten grenzenlosen Welt. Der Busreisende fährt und ruht zugleich, die Videokamera ‘läuft’ und wird gleichzeitig getragen. Der Künstler geht und steht zugleich. Der russische Mathematiker Ouspensky behauptete 1913, alles, was in der dritten Dimension
im Zustand der Bewegung sei, befände sich betrachtet aus der Sichtder vierten Dimension im Ruhezustand.

Was Ralf Berger mit seinen schlichten und zugleich komplexen Bewegungsabläufen intendierte, soll nicht weiter ins Licht gezerrt werden, da sonst sein alter ego, der dunkle Part, Einspruch erheben könnte. Aber während wir über Bergers Kunst grübeln, umkreisen wir ruhend — selbst wenn wir auf der Toilette sitzen auf unserem Planeten Erde die Sonne, während unser Blutkreislauf ohne unser Zutun die Blutkörperchen herumtreibt und unser Magen-Darm-Trakt den hineingeschleusten Viren phantastische Bilder seines Inneren präsentiert, die sich — wesentlich gröber — nun auch per Darmspiegelung etlichen lnternisten erschließen.

Veit Loers
(Aus Katalogtext zur Ausstellung "Ich denke, ich weiß, was ich sehe…" Abteilberg Museum, Mönchengladbach 1996)



Meine Arbeit ist

eine einzige Fehlerkorrektur. Wie im dunkeln tastend, irre ich mich nach oben. RB


Dramaturgie der einfachen Handlung


erweist sich als signifikant. Als Beitrag zu einem Theaterfestival war eine Arbeit zu sehen, welche sich nur langsam - in der zögerlichen Bewegung eines Lichtscheins im Dunklen - verwirklicht. Ralf Berger sitzt im Zuschauerraum‚ er zündet eine Lunte an, woraufhin die Flamme die Stufen zur Bühne hochkriecht und dort nach und nach die Schnüre von goldenen Ballons durchbrennt. Gefüllt mit Helium, steigen diese auf und zerplatzen (1993).

Im laufe der Jahre setzt Berger mehr und mehr seine Körperlichkeit ein, sich entäußernd entwckelt er daraus eine spektakuläre Erweiterung des bildnerischen Geschehens. Dabei stößt er an Grenzen, setzt sich diesen aus. Aber es geht weder um einen Kraftakt, noch Mutproben…
Dann wieder bleibt der Künstler als gegenwärtig Handelnder selbst im Off begriffen, seine Aktivität ist zu sehen, er kaum…
In Daniela Steinfelds ‚Van Horn’ wurde das Ausstellen selbst thematisiert, indem Ralf Berger die Innenflächen eines Sockels strich, in welchem er sich kaum bewegen‚ nur aufhalten konnte, mit begrenztem Luftvorrat. Der Auftrag der konventionell weißen Farbe unter Extrembedingungen definiert sich als Malerei, über die Kanten und Ecken hinweg…
Bergers Arbeiten sind Körperskulpturen. Sie sind Ertastungen, Überbrückungen von Räumen mit und ohne Publikum, Behauptungen der Existenz. Dann werden die Aktionen im Anschluss an ihre Ausführung in einer Skizze festgehalten, welche die räumliche Situation und die Handlungsabfolge beschreibt
- wie Planetensysteme, sagt Ralf Berger -somit das transitorische Werk wieder sichtlich in die reine Idee transformiert.

Thomas Hirsch (Buch: Künstler in Düsseldorf, Salon Verlag, Köln 2007)


Meine Arbeit ist

sich entwirrende Materie. Alles fliegt auseinander. Ich versuche garnicht erst Handelbares zu erschaffen. Mein bildhauerischer Prozess ist die Suche nach einem Ausgang. RB


Ralf Berger


…ist mittlerweile bekannt für ungewöhnliche Installationen; ungewöhnliche Performances und Aktionen, die zuweilen Grenzen überschreiten. Seine arbeiten erzählen oft sonderbare Geschichten, bilden den Schlußpunkt eines Selbstversuchs oder dokumentieren eine Inszenierung, eine Handlung – zuweilen eine einfache Idee. Die Beobachtung einer offenbar grotesken und brutalen Realität, der versuch, diese in nahezu allegorischen Modellen darzustellen, der Wunsch, auch die dunkle Seite des Lebens – des Zusammenlebens – zu zeigen und Neugier sind Auslöser seiner Kunst. Verschlüsselte Bedeutungsgeschichten und nahezu verdrängte Momente überträgt Ralf Berger in Unmittelbarkeit, Aktion und Direktheit.

Michael Krajewski
(Zur Performance "Obskurant" Lehmbruck Museum, Duisburg 2012)




Meine Arbeit ist
eine eisenharte Illusion. Eine Uhr die nicht tickt. Mein Maßstab in der Kunst kann nur der allergrößte sein. So wie das Bewusstsein größer und größer wird, werden die Dinge immer kleiner und kleiner, bis klar wird, daß sie eigentlich nicht existieren. Das ist meine praktische Raumerfahrung als Bildhauer. Die Materie wickelt sich auf und Ich bewege mich mit ihr heraus.Das ist mein bildhauerische Prozess. Das Eisenharte entlarvt sich am Ende als die einzige Illusion. Eine Illusion die Schädel einschlägt. Deshalb bin ich ein spuckender, leckender und tretender Bildhauer geworden. RB


Wer sich auf die Kunst…einlässt,
darf mit Überraschungen rechnen. Entweder kommt es zu ungewöhnlichen oder gar intimen Inszenierungen des Künstlers oder dieser konfrontiert den Betrachter aus unerwarteten Perspektiven mit sich selbst. Ob in Videoinstallationen und Happenings…der Künstler setzt Situationen mitunter auch mit Schauspielern in Szene -die Aktionen bleiben oft hermetisch bis zu einem Moment der Auflösung, den der Künstler dramaturgisch äußerst geschickt ansetzt.
… Der Aktions- und Präsentationsbegriff Ralf Bergers ist radikal, dieser entspricht ganz dem gerne von dem Künstler wiederholten Statement, er könne sich "nichts Intimeres vorstellen, als Kunst zu machen". Eine Video-Installation zeigt demgemäß Berger die Galeriewände in Zungenhöhe ablecken…

Raum, Zeit und Bewegung sind die Grundkategorien der performativen Arbeiten Bergers, die der Künstler gerne allesamt - ungeachtet der Genreunterschiede - als Skulpturen bezeichnet. Viele der gefilmten Aktionen durchmessen Räume, Orte, die mit dem Ausstellungsort zu tun haben. Die Video- Installation in der Galerie Helga de Alvear in Madrid von 1998 zeigte ein froschperspektivisches Streckenprotokoll vom Hotel, wo der Künstler zur Eröffnungszeit residierte, bis hin zur gerade aufgebauten Ausstellung. Diesmal hatte der Künstler beim Abschreiten des Weges die Kameras an den Füßen befestigt, was natürlich ganz neue Sichtweisen Madrids Innenstadt eröffnete.
Uta M. Reindel (Kunstforum Band 158, Ausstellungen)


Meine Arbeit ist
ein ständiger Anfang.



Im Schwitzkasten der Videokamera

Es gibt ein Video von einem Mann in einer wenig beneidenswerten Lage. In einem veritablen Schwitzkasten sitzt er fest, und nichts deutet darauf hin, wie er sich befreien könnte. Der Kopf ist gefangen in einer dunklen kleinen Kiste: So schaut Ralf Berger in eine Videokamera. Dafür nimmt er sich endlos viel Zeit, die sich über die Minuten hinweg auflädt mit purer Ereignislosigkeit und dem Empfinden einer ungleichen Rollenverteilung: Hier der Betrachter, der sich seiner Freiheit erfreut, dort der Kopf, der einzig damit befasst ist, in der grotesken Situation auszuhalten. Das Video wird an die Wand geworfen, davor steht ein Sockel mit einem kreisrunden Loch, das hüfthoch in eine der Außenwände geschnitten ist. Sollte es die spröde Holzkiste gewesen sein, die als Schwitzkasten gedient hatte? Dann wäre also der Kasten nicht nur Skulptur, sondern ebenso Requisit einer früheren, fraglos seltsamen Performance.

Sanftes Frösteln durchzieht den Betrachter bei der Vorstellung, dass Ralf Berger während der Eröffnung tatsächlich eine ganze Stunde lang in einer Position ausgeharrt hat, in der er die eigene Physis und die Geduld der Besucher auf eine harte Probe stellte…
Raffiniert hält Berger seine Kunst in der Spannung von Installation und Erinnerung an die Live-Performance vor dem Publikum…

Georg Imdahl
(Auszug zur Ausstellung "Die Unschuld der Fakten" Galerie Campana, Köln 2005)


Von Anfang an

habe ich Kunst als eine Bewusstseins-Arbeit empfunden.
Zu Ende gedacht entlarvte sich jede vermeintliche Festigkeit auch nur als vorübergehenden Zustand. Meine praktische Raumerfahrung als Bildhauer war die eines entgrenzten Raumes der einzig durch Ereignisse definiert wird. Das Materielle entlarvte sich dabei als die eigentliche Illusion. Als einziger, nicht wegzudenkender Ansatzpunkt blieb mir am Ende immer nur mein eigener Körper übrig mit all seinen Beschränkungen und Befindlichkeiten. Daraus entwickeln sich bis heute meine performativ/medialen Skulpturen.
So war es früh mein Bestreben all die Dinge, die um die Realisierung einer Arbeit geschehen, in der Arbeit und als Arbeit zu thematisieren. Der Gang in den Baumarkt hat mich oft mehr inspiriert als der Versuch eine perfekte Form zu modellieren. Diese bleibt bei mir imaginäres Loch. definiert durch einen Ereignishorizont von Geschehnissen und Dingen. So entwickelte sich ein skulpturales Vorgehen, in dem auch Handlung als Element vorhanden sein kann.

Meine Themen sind dabei z.B. Atmen, Laufen, Spucken, Lecken, treten usw. Alles was mein Ausgangsmaterial Körper hergibt. Mein Werkzeug ist die Handlung/Performance. Für mich persönlich ist Performance auch immer eine in der Zeit liegende Bildhauerei geblieben. Aus diesem Impuls heraus ist sie bei mir entstanden. Dabei ist das Performative oft auch Teil einer Auseinandersetzung mit einem Gestaltungsvorhaben.

Zur Darstellung des Performativen bot sich die “Konserve“ des Videos an. So kamen die neuen Medien zwangsläufig und folgerichtig mit all ihren Möglichkeiten hinzu. Dekonstruktiv einen einzigen Moment z.B. in mehreren Perspektiven aufzuteilen, bietet einen neuen kompositorischen Zugang der die gefilmte Arbeit wieder zum Material werden läßt. Ein art von Video-Metabolismus. Eine neue installative Ebene mit eigenen Gestzmäßigkeiten und neuen Aussagen entsteht.
Besonders interessiert mich dabei die Skulptur als Handlung und deren Gleichzeitigen mediale Vermittlung. Eine Struktur die seit meinen frühen Kindheitstagen durch das Erlebnis der ersten Mondlandung angelegt ist.

Meine Vorstellung einer medienübergreifender performativer Bildhauerei ist die einer auf das Notwendige reduzierten. Keine Beliebigkeit und kein vorsätzliches Mystifizieren. Alles folgt Entscheidungen und gegebenen Begründungen. Das Setzen eines Anfangs und eines Endes kann schon eine Arbeit bezeichnen. Der Rahmen bestimmt das Bild. Was diagonal durch die Türe passt, bestimmt die Größe.

So entwickelte sich bei mir im laufe der Zeit eine eigene Metaphysik, eine ontologische Begrifflichkeit von Skulptur. Eine Arbeit kann gleichzeitig in verschiedenen Sparten und Ebenen stattfinden.

RB18

"Die Arbeiten von Ralf Berger entwickeln ihre Wirkung in einem Spannungsverhältnis aus Nähe und Distanz. Sie bieten eine mikroskopische Nahsicht auf höchst private Handlungen an und entziehen gleichzeitig die authentische Ursprungsform dem Zugriff des Betrachters. Das eigentliche Werk, die Performance, die Aktion, die Auseinandersetzung mit Raum und Volumen oder die mit dem eigenen Körper, dieses ursprüngliche Werk gibt es nicht mehr. Es hat zumeist unter Ausschluss
jeglicher Beobachtung stattgefunden: sei es im Schutzraum der Privatheit, sei es in einem zeitlich und räumlich parallel gesetzten Raum, der dem Betrachter nicht einsehbar ist.
Die zeitliche und räumliche Distanz bedingt in der Folge verschiedene Vermittlungsebenen‚ über die das Ereignis an den Betrachter weitergereicht wird. Relikte und Videodokumentationen mit dem Charakter von Selbstbeobachtungen entwerfen ein fragmentarisches oder verfremdetes Bild des Geschehens. Es liegt an der eigenen Vorstellungskraft und der Beobachtungsgabe, das Ereignis zu rekonstruieren oder aber zu bezweifeln, dass es je statt gefunden hat.
Diesen Kreislauf, vom Ereignis über die Vermittlung über die Rezeption zurück zum Ereignis, nennt Ralf Berger mit eigenen Worten „Video-Metabolismus”. Er vergleicht die Wirkungsweise seiner Arbeiten mit Stoffwechselvorgängen, setzt einen konzeptionellen Rahmen, der auf der Ebene der Bilder im Sujet wieder-
holt erscheint."
Michael Voets (Aus dem Katalogtext zur Ausstellung: "Black Forest" Kunstraum der Stadt Düsseldorf, 2013)